Lokale KI im Betrieb: was die Workstation kann

Wir betreiben eine eigene KI-Workstation und daneben Modelle in europäischen Rechenzentren. Die Frage ist nicht lokal oder Cloud, sondern welche Aufgabe an welchen Ort gehört. Dafür haben wir Messwerte statt Meinungen, und zwei davon haben unsere Annahmen umgeworfen.

5. September 2026 5 Minuten Lesezeit KI im Mittelstand

Regelwerk · Nachweis · Betrieb

Die meisten Aussagen zu lokaler KI im Mittelstand sind Hochrechnungen. Unsere waren es auch, bis wir gemessen haben. Bei uns läuft eine KI-Workstation im Alltag, und dieser Beitrag fasst zusammen, was sie kann, was sie nicht kann und welche Aufgabe an welchen Ort gehört. Die Antwort ist selten „lokal oder Cloud“. Sie ist „lokal und Cloud, mit einer klaren Regel dazwischen“.

Was steht bei uns im Regal?

Eine Workstation mit einem 16-Kern-Prozessor, zwei Grafikkarten mit je 16 Gigabyte Speicher und 96 Gigabyte Arbeitsspeicher. Keine Serverhardware, sondern Komponenten, die jeder Betrieb beschaffen kann. Die zweite Grafikkarte war eine bewusste Entscheidung gegen eine deutlich teurere Profikarte: Sie hätte bei einzelnen Aufgaben etwa das Doppelte gebracht, die zweite Karte brachte Gleichzeitigkeit, und die war wichtiger.

Darauf laufen offene Modelle: ein Expertenmodell mit 20 Milliarden Parametern als Arbeitspferd, ein dichtes Modell mit 12 Milliarden für Deutsch, ein 27-Milliarden-Modell mit Bilderkennung für Dokumente, und zum Test ein 120-Milliarden-Modell, das nur mit Auslagerung in den Arbeitsspeicher passt. Dazu Bildgenerierung und lokale Spracherkennung.

Was haben wir gemessen?

Modell Art Token je Sekunde
26 Milliarden, Expertenmodell passt in den Grafikspeicher 134,6
20 Milliarden, Expertenmodell passt in den Grafikspeicher 91,5
12 Milliarden, dicht passt in den Grafikspeicher 48,1
27 Milliarden, dicht, mit Bilderkennung beide Karten voll 36,9
120 Milliarden, Expertenmodell Auslagerung in den Arbeitsspeicher 28,9

Die Tabelle erzählt die wichtigste Regel: Entscheidend ist nicht die Modellgröße, sondern wie viele Parameter je Token aktiv sind und ob alles in den Grafikspeicher passt. Grafikspeicher liefert rund 450 Gigabyte je Sekunde, Arbeitsspeicher rund 90. Faktor fünf. Ein dichtes 70-Milliarden-Modell läuft auf dieser Maschine mit etwa zwei Token je Sekunde, das ist unter Lesegeschwindigkeit. Deshalb laufen solche Modelle bei uns bewusst nicht lokal, sondern im europäischen Rechenzentrum.

Die zweite Karte brachte beim großen Modell 22 bis 30 Prozent mehr Tempo. Der eigentliche Gewinn war ein anderer: Bildgenerierung auf der einen Karte, Sprachmodell auf der anderen, beide zu 100 Prozent ausgelastet, und beide Seiten ohne messbaren Verlust gegenüber dem Alleinlauf. Das ist der Punkt, an dem eine Workstation vom Spielzeug zum Werkzeug wird.

Was hat unsere Annahmen umgeworfen?

Beim Deutschen gewann das kleinere Modell. Sechs Praxisaufgaben, beide Modelle in Werkseinstellung, Ergebnis 3:1 für das 12-Milliarden-Modell gegen das 27-Milliarden-Modell bei zwei Unentschieden. Der Abstand liegt in Idiomatik und Fehlerarmut, nicht in der Substanz. Wir hatten das Gegenteil erwartet. Seitdem gilt Rollenverteilung statt Modellgröße: das kleine Modell für deutsche Texte, das große für Dokumentanalyse mit Bildern.

Stammdaten füllt kein Modell aus. Derselbe Test lieferte die Regel, die in jede Schulung gehört: Ein Sprachmodell erfindet im Zweifel eine plausible Postleitzahl, statt zu sagen, dass es sie nicht kennt. Deshalb kommen Adressen, Nummern und Stammdaten bei uns aus einem Werkzeug, das fehlende Werte als „nicht hinterlegt“ meldet, und das Modell formuliert nur den Text darum herum.

Nach jeder Aktualisierung messen. Unser Deutsch-Modell wurde durch eine reine Softwareaktualisierung, ohne Hardwareänderung, fast ein Fünftel schneller. Dieselbe Aktualisierung kann Voreinstellungen ändern, die die Verteilung auf die Karten betreffen. Wer nicht nachmisst, weiß beides nicht.

Was gehört in die Cloud?

Alles, was Spitzenqualität braucht oder ungleichmäßige Last hat.

Die Kostenlogik haben wir für eine Organisation mit mehreren tausend Nutzern über fünf Jahre durchgerechnet. Ergebnis: Ein eigenes Rechencluster kostet etwa das Zehnfache von einer Wächter-Workstation im Haus plus Abrechnung je Anfrage bei einem europäischen Anbieter. Und es liefert die schlechteren Modelle. Pro Anfrage kann nicht das passende Modell gewählt werden, sondern nur das, was vor fünf Jahren in den Grafikspeicher passte.

Eigene Hardware gewinnt rechnerisch in genau einem Fall: sehr gleichmäßige Dauerlast rund um die Uhr, etwa eine nächtliche Massenverarbeitung. Bürobetrieb ist das Gegenteil, Spitzen am Vormittag, Stillstand am Wochenende. Ein reservierter Server ist ein Ferrari in der Stadt.

Wo lokale KI unersetzlich ist

Nicht bei der Modellqualität. Bei der Stelle, an der Daten das Haus verlassen würden.

Unser Aufbau: Vor jedem Modellaufruf ersetzt ein Wächter personenbezogene und vertrauliche Angaben durch Platzhalter. Dieser Wächter läuft lokal, immer. Das Modell dahinter darf dann lokal sein, europäisch oder ein Spitzenmodell, je nach Vertraulichkeitsstufe der Anfrage. Für Daten, die das Haus nicht verlassen, braucht es keinen Auftragsverarbeitungsvertrag. Für alles andere schon, und bei Anbietern mit US-Konzernmutter bleibt nach Auffassung der Aufsichtsbehörden trotz Frankfurter Rechenzentrum ein Drittlandthema.

Drei Aufgaben bleiben bei uns immer im Haus: der Wächter selbst, Sprache-zu-Text und sensible Datenbank-Auswertungen. Diktat ist der einzige Weg, auf dem ein Name ungeschwärzt einen Anbieter erreichen könnte. Also bleibt die Spracherkennung lokal.

Wir verkaufen die Grenze mit. Was die lokale Maschine schlecht kann, steht auf demselben Blatt wie das, was sie gut kann.

Große Modelle mit Auslagerung vertragen keinen echten Parallelbetrieb. Reine Textmodelle lesen keine Bilder. Die deutsche Sprachqualität offener Modelle ist gut, aber nicht auf dem Niveau der Spitzenmodelle. Und die erste Anfrage nach dem Start ist langsamer, weil der Speicher kalt ist.

Was wir einem Betrieb raten

Nicht mit der Hardware anfangen, sondern mit der Liste der Aufgaben und ihrer Vertraulichkeit. Dann je Aufgabe den Rechenort: lokal, europäisch, Spitzenmodell. Die Workstation, die wir betreiben, ist die Referenz für den ersten Rechenort. Für die meisten Betriebe reicht eine abgespeckte Fassung mit einer Karte, weil sie nur eine Aufgabe hat: den Wächter und die Sprache, nicht die Spitzenqualität.

Und vor jeder Anschaffung vier Wochen messen, wie viele Anfragen wirklich gleichzeitig kommen. Danach ist die Entscheidung eine Rechnung statt einer Wette.

Dieser Beitrag ist eine fachliche Einordnung aus der Praxis, keine Rechtsberatung. Ob und wie eine Vorschrift Ihren Betrieb trifft, hängt vom Einzelfall ab. Rechtsstand ist das oben genannte Datum; die Verordnung (EU) 2024/1689 ist in Bewegung.

Veröffentlicht am 5. September 2026.

Kurz beantwortet

Drei Fragen dazu.

Reicht eine normale Grafikkarte für KI im Betrieb?

Für Textmodelle bis etwa 30 Milliarden Parameter, die in 16 bis 32 Gigabyte Grafikspeicher passen, ja. Unsere Maschine mit zwei Karten zu je 16 Gigabyte liefert bei solchen Modellen 40 bis 135 Token je Sekunde, ein Mensch liest etwa fünf. Sobald ein Modell in den Arbeitsspeicher ausweicht, fällt das Tempo auf ein Viertel oder weniger.

Brauche ich für lokale KI einen Auftragsverarbeitungsvertrag?

Für Daten, die das Haus nicht verlassen, nein, weil niemand außer Ihnen verarbeitet. Sobald ein Anbieter beteiligt ist, ja, nach Art. 28 DSGVO. Bei Anbietern mit US-Konzernmutter bleibt nach Auffassung der deutschen Aufsichtsbehörden auch mit Servern in Frankfurt ein Drittlandthema. Unsere Antwort darauf: Pseudonymisierung vor jedem Aufruf und ein rein europäischer Rechenort für Daten mit Personenbezug.

Wie viele Personen kann so eine Maschine gleichzeitig bedienen?

Faustregel ohne Stapelverarbeitung: Einzelstrom-Geschwindigkeit geteilt durch fünf. Mit einem dichten 12-Milliarden-Modell bei rund 48 Token je Sekunde trägt unsere Maschine fünf bis zehn gleichzeitige Anfragen ohne spürbare Wartezeit, mit einem schnellen Expertenmodell 15 bis 25. Für Hunderte Nutzer wird die Cloud pro Token deutlich günstiger.

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